Was sind aus Sicht der WHO die zehn größten Bedrohungen für die globale menschliche Gesundheit?

So überraschend wie für die Durchschnittsperson kam die Sars-CoV-2-Pandemie für Expert:innen nicht. Viele Forschungsgruppen untersuchen schon lange zoonotische Krankheitserreger,[1] unter anderem auch Coronaviren. [2]

Im Jahr 2019 stellte die WHO einen strategischen Fünfjahresplan auf, mit dem bis 2023 sichergestellt werden sollte, dass eine Milliarde mehr Menschen als vorher Zugang zu einer Krankenversicherung haben und vor Gesundheitskrisen besser geschützt sein sollten.[3]

In der Vorbereitung dazu ergab sich folgende Liste der zehn drängendsten Bedrohungen für die globale Gesundheit:[4]

  1. Luftverschmutzung und Klimawandel
    90 % aller Menschen sind dauerhaft verschmutzter Luft ausgesetzt, hauptsächlich aufgrund der Nutzung fossiler Brennstoffe. Die jährliche Folge sind 7 Millionen vermeidbarer Todesfälle durch Krebs, Schlaganfälle und allgemeine Herz- und Lungenkrankheiten, vornehmlich in Ländern mit mittleren und geringeren Einkommen.

  2. Nichtansteckende Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Herzerkrankungen
    Auch diese betreffen besonders Länder mit mittleren und geringenren Einkommen. Die fünf Hauptgründe sind: Rauchen, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum, mangelhafte Ernährung und die schon erwähnte Luftverschmutzung. Die Konsequenz sind 41 Millionen Tote, 15 Millionen davon in der relativ jungen Altersgruppe von 30 bis 69 Jahren.

  3. Eine globale Grippepandemie *
    Laut der Einschätzung der WHO ist es für diese künftige Grippepandemie keine Frage ob, sondern nur wann sie ausbrechen wird. Der Schutz der Menschheit hängt dabei vom schwächsten Glied in der Kette ab: Wie jeder einzelne Staat darauf vorbereitet ist und wie effektiv er reagiert. (Genau das konnten wir in der Pandemie mit dem neuen Coronavirus beobachten!) Für die WHO überwachen 153 Institute und 114 Ländern permanent die Bewegungen und Entwicklungen der verschiedensten Grippevirenstämme.
    Die Erbgutsequenzen neuer Stämme mit pandemischem Potenzial werden regelmäßig in die neuen Grippeschutzimpfstoffe mit eingebaut. Für den Fall eines weltweiten Ausbruchs gibt es vorbereitete Strategieprogramme für die internationale Zusammenarbeit.[5]

    Ein Influenza-A-Virus gegen das die meisten Menschen nicht oder kaum immun sind, kann eine Grippepandemie auslösen, wenn es ihm gelingt, sich anhaltend von Mensch zu Mensch zu übertragen. Influenza-A-Viren wurden in vielen verschiedenen Wirtsarten nachgewiesen. Es kommt häufig zu Übertragungen zwischen gleichartigen Tieren, aber auch zwischen unterschiedlichen Tierarten. Die Viren verändern sich durch Mutationen und Rekombinationen und haben das Potenzial, sich zu einem Virus zu entwickeln, das effizient von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Verschiedene tierische Influenzaviren, insbesondere Vogel- und Schweinegrippeviren, haben das bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Sie verdeutlichen die potenziellen Risiken, die von solchen neu auftretenden Influenzaviren ausgehen. Eine daraus entstehende Pandemie kann weltweit Auswirkungen auf die Gesundheit und das wirtschaftliche Wohlergehen haben.[6]

  4. Besonders bedrohte Lebenssituationen
    Dies betrifft etwa 20 % der Menschheit: In Regionen, in denen immer wieder Dürren, Missernten und Konflikte auftreten, steht der Bevölkerung regelmäßig keine angemessene Gesundheitsversorgung zur Verfügung, auch weil die Menschen oft flüchten müssen.

  5. Resistente Erreger *
    Mit zunehmender Resistenz gegen antibiotische und antivirale Mittel, Antimalariamedikamente, sowie Mittel gegen Parasiten und Pilze könnten wir bald vielen Erregern wieder ungeschützt gegenüber stehen. Wenn wir zum Beispiel für Lungenentzündung, Tuberkulose, Salmonellen oder Gonorrhoe angreifbar sind, werden chirurgische Eingriffe und Chemotherapien deutlich riskanter bis unmöglich werden. Heutzutage erkranken beispielsweise an der Tuberkulose 10 Millionen Menschen pro Jahr, von denen 1,6 Millionen an den Folgen sterben. Der Grund für bakterielle Resistenzen ist vor allem die übermäßige Anwendung von Antibiotika, auch in der Tiermast.[7]

  6. Ebola und andere gefährliche Erreger *
    Damit sind hochansteckende Viren und andere leicht übertragbare Erreger gemeint, für die es keine effektive Behandlung oder keinen Impfstoff gibt, wie Ebola, allgemein Erreger, die hämorrhagisches Fieber auslösen[8], Zika, Nipah, das MERS-Coronavirus sowie das SARS-Coronavirus. Auf der Liste stand 2019 noch die „Krankheit X“, um zu verdeutlichen, dass wir uns auf ein damals noch unbekanntes Virus mit einem ernsthaften epidemischen Potenzial einrichten sollten. Alle Viren in dieser Liste sind zoonotisch, sehr wahrscheinlich auch das „Virus X“ von 2019, das wir heute SARS-CoV-2 nennen.

    Die aktuelle Coronapandemie bedeutet allerdings nicht, dass es jetzt kein "Virus X" mehr gibt, sondern nur, dass die Liste um SARS-CoV-2 erweitert wurde. Wir müssen weiterhin gedanklich einen Platz freihalten für das nächste Virus mit pandemischem Potenzial.

  7. Mangelhafte Gesundheitssysteme
    Ob ein Mensch von einer Krankheit nachhaltige Schäden davon trägt oder daran sogar stirbt, hängt sehr von dem Land ab, in dem er oder sie lebt. Entsprechend arbeitet die WHO darauf hin, die medizinische Versorgung weltweit auf ein effektives Level anzuheben.

  8. Impfskepsis (* )Aktuell retten Impfungen nach Angaben der WHO weltweit zwei bis drei Millionen Menschenleben pro Jahr. Weitere 1,5 Millionen Todesfälle wären jährlich durch Impfungen vermeidbar. 2019 waren besonders die Impfung gegen das humane Papillomavirus, das Gebärmutterkrebs auslösen kann und das Poliovirus im Fokus der WHO.

    Aktuell können wir in Echtzeit den Wettlauf zwischen den Impfkampagnen und den Mutationen des SARS-CoV-2-Virus beobachten.[9] Je größer die Herdenimmunität ist, desto weniger Gelegenheit haben Viren, im nicht immunisierten Bevölkerungsteil zu zirkulieren und durch ständige Mutation neue, ansteckendere oder tödlichere Varianten zu entwickeln.

  9. Denguefieber *
    Dengue wird hauptsächlich in den Tropen durch Mücken übertragen. Jährlich erkranken ca. 50 Millionen Menschen daran, je nach Altersgruppe sterben sechs bis dreißig Prozent der mit Dengue Infizierten.[10]

    Der Facharzt für Innere Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin Dr. Günter Fröschl sagt über das allgemeine Risiko: „Gefährlich ist Dengue vor allem für Patienten in Regionen mit mangelhafter Infrastruktur.“[11] Dies verweist auf die Punkte vier und sieben der hier vorgestellten Liste.

    An dieser Stelle erinnern wir daran, dass sich mit der Klimaerwärmung auch die Mückenarten, die Dengue übertragen in bisher nicht betroffene Regionen ausbreiten,[12], ein Verweis auf den ersten Punkt dieser Liste.

  10. HIV *
    Fast eine Million Menschen sterben noch jedes Jahr an HIV/AIDS. Auch hier sind diejenigen Menschen mit unzureichendem Zugang zu medizinischer Versorgung überproportional betroffen.

An den Sternchen * erkennbar stehen fünf der größten Gesundheitsbedrohungen im Zusammenhang mit Krankheitserregern: Grippe, resistente Erreger, Ebola und andere schwer zu behandelnde Krankheiten, Dengue und HIV. Die Gefahr durch fehlende Impfbereitschaft könnte zusätzlich noch mit in diesen Themenbereich gezählt werden. Damit wird deutlich, wie sehr wir Menschen selbst in unseren modernen Zeiten noch durch übertragbare Krankheiten gefährdet sind.

Ein weiterer roter Faden betrifft die Nähe zu und Nutzung von Tieren und die daraus folgenden Konsequenzen, kenntlich gemacht durch fettgedruckte Begriffe:

Die unter anderem durch den Konsum von Tierprodukten verursachte Klimaerwärmung (siehe Nr.1) betrifft besonders Menschen in einkommensschwächeren Ländern, direkt durch Überschwemmungen, Brände und Dürren (siehe Nr.4.) , aber auch indirekt durch Ausbreitung von krankheitsübertragenden Insekten (siehe Nr.9.). Sämtliche in diesem Artikel erwähnten Erreger sind außerdem zoonotisch, wurden also von Tieren auf Menschen übertragen.

Auch die nicht übertragbaren sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislaufprobleme (siehe Nr.2) sind, wie wir schon an anderer Stelle berichteten, wenigstens zum Teil eine Folge von zu vielen Tierprodukten in der Ernährung.

Nachdem wir Menschen uns nun schon eineinhalb Jahre mehr oder weniger wirksam mit dem neuartigen SARS-Coronavirus auseinandersetzen, drängt sich immer mehr und immer wieder eine drastische Reduktion des Kontaktes zu Wildtieren und des Konsums von landwirtschaftlich genutzten Tieren als im Alltag leicht individuell umsetzbare Maßnahme auf, um die WHO in ihrer Strategie gegen die zehn größten Gefahren für die globale Gesundheit zu unterstützen, damit wir alle in Zukunft möglichst wenig durch vermeidbare Infektionen und Pandemien gefährdet sind.

Quellen:


  1. Nationale Forschungsplattform für Zoonosen (zoonosen.net) ↩︎

  2. A Brief History of Human Coronaviruses. Shawna Williams; 06.2020 (The Scientist) ↩︎

  3. Thirteenth General Programme of Work 2019−2023. World Health Organisation (who.int) ↩︎

  4. Ten threats to global health in 2019. World Health Organisation (who.int) ↩︎

  5. Tool for Influenza Pandemic Risk Assessment (TIPRA) World Health Organisation; 02.2020 (PDF) ↩︎

  6. Tool for Influenza Pandemic Risk Assessment (TIPRA) - Overview. World Health Organisation; 02.2020 (who.int) ↩︎

  7. Resistente Keime: Warum Antibiotika-Resistenzen zunehmen. Angelika Wörthmüller; 07.2019 (planet wissen, ARD) ↩︎

  8. Hämorrhagisches Fieber im Überblick. Thomas M. Yuill, MSD Manual; 05.2020 (Merck Sharp & Dohme Corp.) ↩︎

  9. SARS-CoV-2: Wettlauf mit dem Virus. Nadine Eckert, Jonathan Fischer-Fels. Deutsches Ärzteblatt; 2021 (aerzteblatt.de) ↩︎

  10. Was ist Dengue-Fieber? Dr. Martina Hoffschulte; 03.2019 (tk.de) ↩︎

  11. Erst der Klimawandel, dann das Dengue-Fieber: Was Ärzte wissen sollten – und jetzt tun können. Petra Plaum; 09.2019 (Medscape) ↩︎

  12. Klimawandel: Mücken und Zecken breiten sich aus. Stefanie Lambernd; 07.2020 (ndr.de) ↩︎