SARS-CoV-2 – Übertragung auf Wildtiere

Zoonosen können nicht nur vom Tier auf den Menschen übergehen. Es gibt auch Infektionskrankheiten, die vom Menschen auf andere Tiere übergreifen können. Zoonosen werden daher in verschiedene Formen unterteilt. So kann auch SARS-CoV-2 vom Menschen auf verschiedene Tierarten übertragen werden.

Welche Tierarten haben sich bereits beim Menschen angesteckt?

Wir berichten im Folgenden von uns bekannten Ereignissen. Möglicherweise sind weitere Arten betroffen:

2020 infizierten sich in mehreren Ländern Nerze auf Pelzfarmen mit SARS-CoV-2. Das Virus war vom Personal auf die Nerze gesprungen. Im November sprang das Virus in Dänemark in mutierter Form zurück auf den Menschen. Man ging davon aus, dass diese neue Variante das Potenzial hat, zukünftige Impfungen unwirksam zu machen.

Im Januar 2021 wurde bei hustenden Gorillas im Zoo von San Diego das SARS-2-Virus nachgewiesen. Hygienevorkehrungen wie das Tragen persönlicher Schutzausrüstung in der Nähe der Tiere waren eingehalten worden. Trotz dieser Biosicherheitsmaßnahmen müssen sie sich bei einem Wärter angesteckt haben, der positiv getestet aber asymptomatisch war.

Weitere Übertragungen von Menschen auf Tiere beobachtete man beispielsweise bei Tigern und Löwen im Zoo der Bronx in New York, bei Schneeleoparden im Zoo von Louisville in Kentucky oder Tigern in Knoxville, Tennessee.[1]

Neben katzenartigen Zootieren infizierten sich auch Hauskatzen. Darüber hinaus wurde das Virus bereits in weiteren Haustieren nachgewiesen: in Hunden und Hamstern.

Mäuse konnten zur Erleichterung der Forschenden in Studien nicht mit SARS-CoV-2 infiziert werden. Warum waren sie so erleichtert? Mäuse sind in weiten Teilen der Welt verbreitet, können unter günstigen Bedingungen große und dichte Populationen bilden. Dies sind wiederum gute Bedingungen für die Verbreitung und Mutation von Viren.

Im April 2021 berichtete eine französische Forschungsgruppe, es sei Ihnen gelungen Mäuse im Labor mit SARS-CoV-2 Varianten anzustecken, die sich von Südafrika und Brasilien her ausbreiten. Zudem scheint auch die britische Variante B.1.1.7 begrenzt zur Replikation in Mäusen in der Lage zu sein.[2]

Was bedeutet diese neue Beobachtung?

COVID-19 könnte nicht nur für uns Menschen eine schwere Krise auslösen, sondern auch unter in Zoos gehaltenen Tieren, sowie Tieren in freier Wildbahn zirkulieren und zu unvorhersehbaren Konsequenzen führen.
Von den Millionen, jährlich in Dänemark gezüchteten Nerzen beispielsweise entkommen jedes Jahr ein paar tausend. Jeder entkommene, mit einem Virus infizierte Nerz, kann dieses Virus an andere Wildtiere übertragen und im schlimmsten Fall kann so das Ökosystem einer gesamten Region betroffen sein.[3]

Laboruntersuchungen zeigten zudem, dass auch Hauskatzen sehr anfällig für SARS-CoV-2 sind und es untereinander weitergeben können – nur eine Möglichkeit, wie auch unsere heimischen Wildtiere (z.B. durch freilaufende Hauskatzen) Kontakt mit dem Virus haben könnten. Überdies ergaben Untersuchungen, dass streunenden Katzen und Hunde bereits mit dem Virus in Kontakt gekommen sind.[4] [5]

Virusvarianten die Labormäuse infizieren können, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Lage auch wildlebende Mäuse zu infizieren, wodurch sich das Virus auch in der Natur Europas ausbreiten könnte. Eine amerikanische Studie weist zudem darauf hin, dass auch nordamerikanische Hirschmäuse an COVID-19 erkranken und sich gegenseitig anstecken können.[6] Eine andere amerikanische Studie fand heraus, dass Weißwedelhirsche sehr anfällig für das Virus sind und sie es ebenfalls untereinander weitergeben können, auch bei indirektem Kontakt.[7]

Die Möglichkeit, dass es dem Virus gelingt sich unter wildlebenden Tieren auszubreiten und dort eine neue Reservoirart zu finden, wird in der Forschung als „unwahrscheinliches Ereignis mit starker Wirkung“ bezeichnet. Das bedeutet, es ist nicht unmöglich und die Konsequenzen können, sollte es eintreffen, verheerend sein.

Was bedeutet das für uns Menschen?

Für uns Menschen wäre das Problem an diesem Szenario, dass das Virus in einem sogenannten silvatischen (von silva, Latein für „der Wald“) Kreislauf in dem betroffenen Waldgebiet zirkulieren, mutieren und sich in nicht vorhersehbare Richtungen entwickeln kann. Das Virus könnte erneut Menschen infizieren und Ausbrüche mit neuen Varianten auslösen.

Die Tatsache, dass SARS-CoV-2 nicht nur Primaten sondern eine ganze Reihe verschiedener Tierarten wie Mäuse, Hirsche, Fleischfressende Säugetiere – darunter Nerze und Frettchen – in Zoos, Laboren, Farmen und in der freien Natur infizieren kann, macht es besonders gefährlich. Es könnte in verschiedenen Tierarten ein Reservoir finden. Beispielsweise in Nerzen oder Nagetieren, die in Wäldern, Nationalparks oder alten Schuppen leben. Ähnlich wie es vom Hantavirus bekannt ist, könnte das SARS-CoV-2 Virus möglicherweise mit durch Mäusekot kontaminiertem Staub aufgewirbelt und eingeatmet werden. Mit dem Unterschied, dass sich SARS-CoV-2 in rasender Geschwindigkeit von Mensch zu Mensch verbreiten kann, sobald es eine Person infiziert hat. Wären wildlebende Hirsche infiziert, könnten sich Jäger bei Jagd und Zerlegung anstecken.

David Quammen schrieb dazu in der New York Times im Februar 2021:

"In fünf Jahren, wenn ein Großteil der Weltbevölkerung gegen Covid-19 geimpft wurde, aber vielleicht eine Millarde Menschen entweder aus Mangel an Möglichkeiten oder aufgrund sturer Ablehnung nicht, wird das Virus noch immer unter uns sein. Es wird unter den Ungeimpfen zirkulieren, manchmal unnauffällig, manchmal mit schwerem oder tödlichem Krankheitsverlauf und es könnte auch unter Wildtierpopulationen überleben, mutieren und sich auf eine Weise Entwickeln, die niemand vorhersagen kann.[...] Wenn das passiert, wird uns das Coronavirus – durch die Leichtigkeit, mit der ein Fledermausvirus zu einem menschlichem Virus wurde, das zu einem Gorillavirus und zu einem Nerzvirus wurde, dann vielleicht zu einem Dachsvirus und einem Mausvirus und schließlich wieder zu einem menschlichen Virus – an die demütigende Tatsache erinnern, auf die uns Charles Darwin bereits vor mehr als anderthalb Jahrhunderten aufmerksam gemacht hat: Wir sind auch Tiere."[8]

Was bedeutet das für Wildtiere?

Eine Vielzahl verschiedener Tierarten kann sich mit SARS-CoV-2 infizieren. Einige erkranken nicht oder nur leicht, dienen aber als Überträger. Andere wiederum zeigen deutliche Symptome. Welche Wildtiere sind besonders gefährdet wenn es dem Virus gelingt, sich in Wildtierpopulationen zu verbreiten?

Bereits im März 2019, kurz bevor die Pandemie weltweit ausbrach, warnten die zwei Wissenschaftler Dr. Leendertz und Dr. Gillespie davor, dass COVID-19 nicht nur für den Menschen katastrophale Auswirkungen haben könnte, sondern auch für Menschenaffen.[9] Dazu gehören Gorillas, Orang-Utans, Bonobos und Schimpansen. Sie alle gehören, gemeinsam mit uns Menschen, zur Familie der Hominiden. Diese enge Verwandtschaft mit uns macht sie besonders anfällig für verschiedene menschliche Viren und Bakterien. Atemwegserkrankungen nehmen hier eine besondere Rolle ein: Die Atemwegszellen der Menschenaffen sind unseren sehr ähnlich und obendrein sehr empfindlich. Bedenken wir nun noch, dass Atmenwegsviren über die Luft übertragen werden, wird das hohe Risiko einer Übertragung deutlich.

Ein großer Unterschied von SARS-CoV-2 zu anderen Atemwegsinfektionen ist die große Vielfalt an möglichen Wirtsarten. Je mehr Tierarten ein Virus zur Auswahl hat, um so wahrscheinlicher, dass es sich in der freien Natur verbreiten und ein neues, sogenanntes sekundäres Reservoir in einer oder mehreren Tierarten finden kann.

Dr. Leendertz und Dr. Gillespie empfahlen, den Menschenaffentourismus zu pausieren und Feldforschungen erst einmal zu reduzieren. Im nächsten Schritt müssten die verschiedenen Risiken gegeneinander abgewogen werden: Auf der einen Seite helfen diese Maßnahmen, das gesundheitliche Risiko für die gefährdeten Menschenaffen drastisch zu reduzieren. Auf der anderen Seite käme es zum Einkommensverlust der lokalen Bevölkerung. Geldnöte und fehlende Kontrollen bringen die Gefahr verstärkter Wilderei mit sich, die wiederum Menschenaffen und andere Wildtiere gefährdet. Um diesen beiden Risiken entgegenzuwirken, halfen die beiden Wissenschaftler, eine internationale Brückenfinanzierung zu organisieren. Die Gelder sollen Gemeinden unterstützen, die von Ökotourismus und Forschung abhängig sind.[10]

Wie real die Gefahr durch SARS-CoV-2 für Menschenaffen ist wurde deutlich, als sich im Januar 2021 im Zoo in San Diego Westliche Flachlandgorillas mit der kalifornischen Variante infizierten (s. o.). Alle acht Gruppenmitglieder wirkten lethargisch, einige begannen zu husten und litten unter weiteren milden Symptomen wie Verstopfung und Schnupfen. Sie wurden von einem Team aus der Human- und Tiermedizin betreut.[11] [12] Der Anführer der Gorillagruppe, der 48-Jährige Silberrücken Winston, wurde aufgrund seiner Symptome, seines Alters und möglicher Vorerkrankungen unter Narkose untersucht. Neben einer Lungenentzündung wurde auch eine Herzerkrankung festgestellt. Er benötigte medizinische Hilfe. Dank einer kombinierten Behandlung aus monoklonalen Antikörpern, Herzmedikamenten und Antibiotika, wurde auch er wieder gesund.[13] Ob er die Infektion in freier Wildbahn ohne medizinische Versorgung überlebt hätte, ist ungewiss.

Wildlebend kommen Westliche Flachlandgorillas nur noch in Zentralafrika vor. Nachdem die Zahlen der Tiere innerhalb von nur 20 bis 25 Jahren um 60 Prozent zurückgingen, stehen sie seit 2007 als “vom Aussterben bedroht” auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN). Dennoch ging der Bestand seitdem weiter zurück. Die größten Bedrohungen sind Wilderei, Ebola und weitere Infektionskrankheiten, die Zerstörung ihrer Lebensräume sowie die Folgen des Klimawandels.[14] [15] Auch die anderen drei Unterarten der Gorillas stehen schon lange auf der Roten Liste.[16]

Die Bedrohung durch ein neues Virus kann fatale Folgen haben, insbesondere für bereits gefährdete Tierarten - ob nun durch das Virus selbst oder durch verstärkte Wilderei. Eine Brückenfinanzierung kann nur vorübergehend helfen. Es ist dringend notwendig, die Pandemie unter uns Menschen so schnell wie möglich weltweit unter Kontrolle zu bringen. Bevor sich das Virus unter Wildtieren ausbreitet.

Uns impfen zu lassen betrachten wir vielleicht als Notwendigkeit für unsere Gesundheit oder als Verpflichtung gegenüber gefährderten Bevölkerungsgruppen – wir sollten es aber auch als Verpflichtung nichtmenschlicher Lebenwesen und ganzer Ökosysteme gegenüber betrachten. Sei es aus Respekt vor dem Leben selbst oder zur Prävention vor zukünftigen Gesundheitskrisen, ähnlich wie die durch Covid-19 verursachte oder sogar schlimmere.

Quellen:


  1. And Then the Gorillas Started Coughing. By David Quammen; 02.2021 (The New York Times) ↩︎

  2. SARS-CoV-2 kann auch Mäuse infizieren; 04.2021 (rme/aerzteblatt.de) ↩︎

  3. Escaped infected Danish mink could spread Covid in wild. Sophie Kevany; 11.2020 (The Guardian) ↩︎

  4. Neutralizing antibodies for SARS-CoV-2 in stray animals from Rio de Janeiro, Brazil. Helver Gonçalves Dias, Maria Eduarda Barreto Resck, Gabriela Cardoso Caldas et al., PLoS One; 03.2021 (PubMed) ↩︎

  5. Serological evidence of SARS-CoV-2 and co-infections in stray cats in Spain. Sergio Villanueva-Saz, Jacobo Giner, Ana Pilar Tobajas et al.,PMC ; 03.2021 (NCBI) ↩︎

  6. SARS-CoV-2 infection, neuropathogenesis and transmission among deer mice: Implications for spillback to New World rodents. Anna Fagre, Juliette Lewis, Miles Eckley et al., PLoS Pathogens; 05.2021 (journals.plos.org) ↩︎

  7. Susceptibility of White-Tailed Deer (Odocoileus virginianus) to SARS-CoV-2. Mitchell V. Palmer, Mathias Martins, Shollie Falkenberg et al., Journal of Virology; 05.2021 (ASM Journals) ↩︎

  8. And Then the Gorillas Started Coughing. By David Quammen; 02.2021 (The New York Times) ↩︎

  9. COVID-19: protect great apes during human pandemics. Dr. Leendertz, Dr. Gillespie; 03.2020 (Nature) ↩︎

  10. And Then the Gorillas Started Coughing. By David Quammen; 02.2021 (The New York Times) ↩︎

  11. Gorillas at San Diego Zoo Safari Park recover from COVID-19. Deborah Sullivan Brennan; 02.2021 (Los Angeles Times) ↩︎

  12. Gorillas at Zoo in San Diego Test Positive for Coronavirus. Azi Paybarah; 01.2021 (The New York Times) ↩︎

  13. Gorilla treated with antibodies recovering from COVID, says US zoo. AFP; 01.2021 (Phys.org) ↩︎

  14. Hintergrundinformation: Westlicher Gorilla. WWF Deutschland & TRAFFIC Europe-Germany; 11.2007 (PDF) ↩︎

  15. Westlicher Gorilla im Artenlexikon. WWF; 07.2018 (wwg.de) ↩︎

  16. Menschenaffen auf der Roten Liste
    Gorillas vom Aussterben bedroht. BR Wissen; 05.2021 (br.de)
    ↩︎