Hat SARS-CoV-2 den Sprung auf Wildtiere schon geschafft?

Wie real ist die Gefahr der Übertragung vom Menschen auf Wildtiere?

Die Übertragung menschlicher Krankheitserreger auf nichtmenschliche Tiere, einschließlich Wildtiere, geschieht häufiger als wir denken.

SARS-CoV-2 kann eine besonders große Vielfalt an Tierarten infizieren.

"Diese Tatsache, kombiniert mit der großen Anzahl infizierter Menschen bedeutet im Prinzip, dass das Virus Millionen von Möglichkeiten hatte, von Mensch zu Tier zu springen." Sophie Gryseels, Evolutionsbiologin an der Universität Antwerpen [1]

Zur Einordnung ein paar Zahlen:
Weltweit wurden bisher (Stand 09.09.2021 13 Uhr) insgesamt 222.827.786 Infektionen bestätigt und gemeldet.[2] Im August 2021 kamen wöchentlich im Schnitt gut 4,5 Millionen Neuinfektionen hinzu.[3] Dies sind nur die entdeckten und gemeldeten Fälle.

Infizierte Menschen auf der ganzen Welt, auch asymptomatische, könnten das Virus unwissentlich auf wilde Säugetiere übertragen.[4]

Breitet sich das Virus bereits unter Wildtieren aus?

In den USA sind Nerzfarmen relativ verbreitet, bei den meisten handelt es sich um kleine Familienbetriebe. Am 17. August 2020 wurden COVID-19-Ausbrüche in 2 Nerzfarmen in Utah bestätigt. Es folgten weitere Ausbrüche in mehreren Farmen in Utah, Michigan, Wisconsin und Oregon. Angesteckt haben sich die Nerze vermutlich bei infizierten Arbeitskräften. Eine amerikanische Forschungsgruppe untersuchte daraufhin wildlebende Nagetiere und sog. Mesocarnivoren (kleine bis mittelgroße Fleischfresser, darunter Nerze, Waschbären und Stinktiere). Sie hatten die Tiere zwischen dem 22. und 30. August in der Umgebung von Nerzfarmen, darunter 11 Nerze direkt auf Nerzfarmgelände, gefangen. Die Forschungsgruppe geht aufgrund des Ortes, des Verhaltens und Aussehens dieser 11 Nerze davon aus, dass sie aus den Farmen entkommen waren und nun in dem Gebiet lebten. Bei allen 11 Nerzen wurden Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen. Dies kam nicht überraschend, denn die Biosicherheitsmaßnahmen einiger Farmen schlossen das Eindringen der wildlebenden Nerze in die Scheunen der Farmen nicht aus. So können sich diese wildlebenden Tiere bei den in den Pelzfarmen gehaltenen, infizierten Nerzen angesteckt haben.

Nur die Spitze des Eisbergs?

Die Forschungsgruppe konnte in Utah Antikörper gegen SARS-CoV-2 bei den 11 wildlebenden, ehemals aus Pelzfarmen entlaufenen, Nerzen nachweisen. Sie fand aber keine Beweise dafür, dass sich das Virus bereits unter Wildtieren etabliert hat. Sorgen macht ihnen dieses Ergebnis dennoch. Solche aus Farmen geflüchteten Tiere könnten sich in der Gegend ausbreiten und mit anderen für SARS-CoV-2 anfälligen Tieren (z. B. wilde Nerze oder Hirschmäuse) in Kontakt kommen. Zu allem Überfluss liegen Nerzfarmen in Utah oft in Gebieten, die als kritische Lebensräume für (wilde) Nerze ausgewiesen sind. (Dies sind Lebensräume, auf die wilde Nerze angewiesen sind.)[5]

Viele solcher Sprünge des SARS-2-Virus auf Wildtiere könnten unbemerkt bleiben: Studien mit Wildtieren sind schwierig durchzuführen und Infektionen bei Tieren hatten für einen Großteil der Forschungsgemeinschaft keine Priorität. So vermutet die Epidemiologin und Tierärztin Sarah Harner von der Texas A&M Universität in College Station, dass die positiv getesteten wildlebenden Nerze in Utah “nur die Spitze des Eisbergs sein könnten”.[6]

Können Nerzfarmen dem Virus zur Ausbreitung unter Wildtieren verhelfen und die Bemühungen zur Eindämmung der Pandemie gefährden?

Wildlebende Nerze die sich in der Nähe von Zuchtfarmen aufhalten, sind oft Tiere, die aus ihnen entkommen sind - oder deren Nachfahren. Bleiben diese Tiere in der Gegend und kommen beispielsweise auf der Nahrungssuche zu den Farmen zurück, können sie eine langfristige Brücke zwischen den Tieren in Pelzfarmen und Wildtieren bilden. Gemeinsame Ressourcen wie Nahrungsquellen und Interaktionen zwischen den Tieren, bieten dem Virus verschiedene Übertragungswege. Wiederholt auftretende Infektionen in einer Region erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Virus über den Weg der Pelztierfarmen unter Wildtieren ausbreiten kann. Liegen zudem viele Nerzfarmen dicht beieinander, können wildlebende Nerze zwischen den Farmen hin und her wechseln und das Virus von einer Farm zur nächsten tragen.[7] Über die Tiere in den Farmen, könnte sich wiederum das Personal anstecken - mit einer wahrscheinlich mutierten Variante.

Wovon hängt die erfolgreiche Verbreitung des Virus unter Wildtieren ab?

Gelingt dem Virus der Sprung auf Wildtiere, hängt der weitere Verlauf davon ab, ob es sich in der Tierart im Laufe die Zeit halten kann. Neben der oben beschriebenen Problematik durch die Pelztierfarmen, wäre folgendes besorgniserregend: der Sprung von SARS-CoV-2 auf eine Wildtierart, die anfällig für das Virus ist, in engem Kontakt miteinander und in großen Gruppen zusammenlebt. Hier könnte die Infektion selbsterhaltend sein: sie könnte, wie es auch beim Menschen der Fall ist, innerhalb und zwischen Gruppen zirkulieren. Das Virus könnte ein neues Reservoir finden, in dem es weiter existieren (und mutieren) kann.

“Der beste Weg das zu verhindern besteht darin, die Exposition aller Tiere, insbesondere der Wildtiere, so weit wie möglich zu verhindern. Der beste Weg, dies zu verhindern, besteht darin, sie bei den Menschen zu kontrollieren." Scott Weese, Tierarzt für Infektionskrankheiten, Mikrobiologe und Autor (Übersetzt aus dem Englischen)[8] [9]

Mittlerweile (September 2021) wird immer deutlicher, wie schwierig es schon ist, die Exposition und damit die Infektionen bei den Menschen zu kontrollieren. Sehr viele ärmere Länder haben noch immer kaum Zugang zu Impfstoffen. In vielen anderen Ländern, die mittlerweile ausreichend Impfstoffe haben, wurden bei weitem noch nicht genügend Menschen geimpft. Besonders die Delta-Variante führt zu vermehrten Impfdurchbrüchen. Schwere Verläufe und Tod durch COVID-19 werden zwar weiterhin durch die Impfung in der Regel sehr wirksam verhindert, doch die Impfdurchbrüche, gerade auch mit asymptomatischem Verlauf, scheinen häufiger aufzutreten. Wir wissen inzwischen, dass auch Geimpfte, die sich infiziert haben, das Virus weitergeben können - auch an Tiere.

Wichtig: Trotz vorkommender Impfdurchbrüche, hilft die Impfung, die Zahl der Infektionen deutlich zu reduzieren und die Pandemie einzudämmen. Sie schützt so nach wie vor Menschen und Tiere vor der Ansteckung. Nur eben nicht 100-prozentig.

Was in den Diskussionen über die Aufhebung der Hygienemaßnahmen und den Wegfall der kostenlosen Schnelltests komplett unter den Tisch fällt, ist die hier besprochene Übertragung auf (Wild-)Tiere und deren mögliche Folgen für Tiere und Menschen. Daher bitten wir euch: Teilt die Informationen und verhaltet euch verantwortungsvoll - insbesondere wenn es sein könnte, dass ihr euch infiziert habt. Auch wenn ihr vollständig geimpft seid.

Wurde SARS-CoV-2 schon bei europäischen Wildtieren nachgewiesen?

In der spanischen Provinz Castellón wurden im Januar 2021, im Rahmen einer Kampagne zur Bekämpfung invasiver exotischer Arten in den Flüssen Palancia und Mijares, 13 wildlebende Amerikanische Nerze gefangen. Zwei der Nerze wurden positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Es sind in Europa die ersten Wildtiere, bei denen eine Infektion nachgewiesen wurde. Dass die spanischen Nerze kürzlich aus der nächstgelegenen Pelzfarm ausgebrochen sein könnten, ist unwahrscheinlich. Die untersuchten wildlebenden Nerze sind dunkelbraun, während die Tiere der Nerzfarm überwiegend weiß sind. Die Nerzfarm ist über 20 Kilometer entfernt und berichtete zuletzt 2007 von entkommenen Nerzen. Nerzfarmen in Spanien müssen heute über spezielle “Anti-Flucht-Einrichtungen” verfügen. Bei regelmäßigen Kontrollen in dieser und anderen nahegelegenen Pelztierfarmen, wurde SARS-CoV-2 nicht gefunden. Die untersuchten Tiere scheinen sich daher auch nicht beim Kontakt mit Tieren in Pelzfarmen angesteckt zu haben. Amerikanische Nerze leben (mindestens) seit den späten achtziger Jahren in diesen Gebieten. Somit scheint dies der erste Nachweis zu sein, dass wilde Nerze, die selbsterhaltenden Populationen angehören, SARS-CoV-2 in freier Wildbahn erworben haben.[10] [11]

Woher kam das Virus?

Die positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Nerze hätten ein Zeichen für einen allgemeinen COVID-19-Ausbruch unter den wilden Nerzen sein können. Dagegen spricht, dass einer der positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Nerze vom Fluss Palancia stammte, der andere vom Mijares. Die beiden Flüsse liegen in der Region Valencia und sind durch die Espadán-Bergkette voneinander getrennt. Es wird davon ausgegangen, dass die Nerz-Populationen der beiden Flüsse aufgrund der Distanz keinen regelmäßigen Kontakt haben. Dass nur jeweils ein Individuum positiv getestet wurde, spricht zusätzlich gegen einen allgemeinen Ausbruch unter den Nerzen. Zudem sind Nerze Einzelgänger, was die Übertragung zwischen den Tieren in freier Wildbahn, im Vergleich zu Tieren die in Gruppen zusammenleben, weniger begünstigt und auch gegen eine Übertragung durch direkten Kontakt mit Menschen spricht.[12] Nahe gelegene Nerzfarmen scheinen, wie oben beschrieben, als Quelle nicht infrage zu kommen. Allerdings gab es weiter nordwestlich, im Juli 2020, einen Corona-Ausbruch in einer Nerzfarm, bei dem etwa 87 Prozent der Tiere infiziert waren. Sie hatten sich bei den Beschäftigten des Betriebes angesteckt. Alle 92.700 Nerze der Farm in La Puebla de Valverde waren getötet worden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.[13] Folgt man dem Straßenverlauf von dieser Farm zu den beiden Fundorten, liegen jeweils etwa 70 Kilimeter dazwischen. Ob es trotz der Distanz theoretisch möglich ist, dass das Virus im Laufe der Monate bis zu den beiden Nerzen gelangen konnte, können wir nicht beurteilen. In der Publikation wird darüber nicht spekuliert.

Die Infektionsquelle der beiden Nerze kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Die Tiere wurden am 14. und 28. Januar 2021 in dünn besiedelten, ländlichen Gebieten gefangenen. Dieser Zeitraum fällt mit der dritten Welle der Pandemie zusammen. Das Virus war in der Valencianischen Gemeinschaft besonders stark verbreitet, die Inzidenz war hier besonders hoch. Im Gegensatz zu infizierten Tieren auf Nerzfarmen, zeigten die beiden wilden Nerze keine Symptome, machten einen gesunden Eindruck. Dies könnte mit einer geringeren Viruslast zu erklären sein. Als wahrscheinlichste Quelle wird von den Forschenden kontaminiertes Abwasser benannt. Spanien erhielt kürzlich von der Europäischen Kommission eine sehr hohe Geldstrafe, wegen "unzureichender Abdeckung der Abwasserbehandlung". Insbesondere Städte in ländlichen Gebieten sind anfällig für schlechte Abwasserbehandlung. Amerikanische Nerze leben sowohl an Land als auch im Wasser, sind aber von der "aquatischen Umgebung" (von den Flüssen) abhängig. Sie könnten in den Flüssen in Kontakt mit Abwasser gekommen sein. Damit wird erstmals von einer möglichen indirekten Übertragung von SARS-CoV-2 auf wilde Tiere ausgegangen: Von einer Übertragung ohne direkten Kontakt zu infizierten Menschen (oder von Menschen genutzten Tieren). Ist die Annahme richtig, können wildlebende Tiere die empfänglich für das Virus sind, auch durch kontaminiertes Wasser infiziert werden. Diese könnten es im weiteren Verlauf auf andere potenzielle Wirtsarten übertragen und das Virus könnte irgendwann erneut auf den Menschen springen. Daher wird in der Studie die Notwendigkeit eines One-Health-Ansatzes unterstrichen. Ein Ansatz, der die Verknüpfung von Mensch, Tier und Umwelt berücksichtigt. So soll die Virusübertragung zwischen Mensch und Tier vermieden werden.

Aufgrund ihrer Anfälligkeit für SARS-CoV-2 könnten Nerze Hinweise auf das Vorkommen des Virus in der Umwelt liefern. Die Forschungsgruppe (der Universität CEU Cardenal Herrera in Valencia) empfiehlt:

  • in weiteren Studien Proben von Nerzen und anderen Tierarten zu analysieren, die an den Flüssen leben.
  • Zusätzlich solle Regenwasser auf das Virus untersucht werden.
  • Eine vollständige Sequenzierung der gefundenen Viren könnte die Übertragungswege aufdecken. So könnten auch potenzielle Mutationen, die beim Sprung auf weitere Arten entstehen, entdeckt werden.[14]

Parallel zur Untersuchung der Nerze untersuchte die Forschungsgruppe die Stuhl-RNA anderer Tierarten. Dabei wurde ein Individuum positiv getestet. Die Befunde wiesen jedoch darauf hin, dass sich das Virus von der in den Nerzen gefundenen Variante unterschied. (Die Viren hatten demnach unterschiedliche Varianten des S-Gens).[15]

Wie kam der Amerikanische Nerz nach Europa?

Der Amerikanische Nerz, auch Mink genannt, eignet sich besser zur Peltzierzucht als der Europäische Nerz. In den 1950er Jahren holten Pelztierzüchter die Tiere zur Zucht nach Europa. Immer wieder gelingt Tieren die Flucht und auch die vorsätzliche Freilassung aus Tierschutzmotiven kam vor. Amerikanische Nerze haben nicht nur schöneres Fell als ihre europäischen Verwandten, sie sind auch robuster und anpassungsfähger als diese. So konnten sie sich erfolgreich ansiedeln und breiteten sich entlang einiger Flüsse aus. Durch Jagd und Zerstörung der Lebensräume waren die europäischen Nerze schon stark dezimiert. Zusätzlich wurden sie nun durch die neuen Konkurrenten verdrängt. Andere gefährdete Arten wie, der Pyrenäen-Desman (Maulwurf) oder die Südliche Wassermaus, werden von den Amerikanischen Nerzen erbeutet. [16] [17]

Hat SARS-CoV-2 bereits ein Reservoir in amerikanischen Wildtieren gefunden?

Zur Erinnerung: Als Reservoir für ein Virus sind Tierarten geeignet, die anfällig für das Virus sind (d. h. sich leicht anstecken), in engem Kontakt miteinander und in (großen) Gruppen zusammenleben. Von Vorteil für ein Virus ist es in der Regel, wenn die Wirtstiere nicht stark erkranken: Sie können das Virus effektiver verbreiten, wenn sie mobil sind und Kontakt mit anderen Individuen haben.

Im Mai 2021 erschien eine Studie, in der gezeigt wurde, dass Weißwedelhirsche sehr anfällig für SARS-CoV-2 sind und sie das Virus auch bei indirektem Kontakt untereinander weitergeben können. Die Hirsche hatten einen leichten Krankheitsverlauf. Das Virus können sie über infektiöse Nasensekrete und Kot ausscheiden, die indirekte Übertragung erfolgt höchstwahrscheinlich über Aerosole oder Tröpfchen. Die Studie betont zudem die schnelle Übertragung zwischen den Hirschen: Die sogenannten Kontakttiere, die während der Untersuchung durch indirekte Übertragung infiziert wurden, wurden innerhalb von etwa 1 bis 2 Tagen positiv. Die Forschenden stellen das große wissenschaftliche und öffentliche Interesse an solchen Untersuchungen heraus. Auf diesem Weg könnte besser verstanden werden, wie die Pandemie entstehen konnte und welche Tierart als Zwischenwirt gedient haben könnte. Darüber hinaus seien diese Untersuchungen auch für die Tiergesundheit wichtig. Informationen aus solchen Untersuchungen könnten helfen, eine sogenannte umgekehrte Zoonose (Erregerübertragung von Mensch zu Tier) zu verhindern, durch die ein neues Reservoir für das Virus in Wildtierpopulationen entstehen kann. Sie empfahlen, wilde Hirscharten in die Untersuchungen einzubeziehen, um potenzielle Reservoire oder Quellen für SARS-CoV-2 zu bewerten.

“Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hirsche und andere Geweihträger bei Untersuchungen zur Identifizierung des Ursprungs und potenzieller Zwischenwirtsarten, die als verbindendes Wirtsreservoir für den Menschen gedient haben könnten, berücksichtigt werden sollten.”[18]

Über das letzte Jahrzehnt verteilt, wurden im Rahmen der regelmäßigen Wildtierüberwachung Blutproben von wildlebenden Weißwedelhirschen aus Michigan, Illinois, New York und Pennsylvania genommen. Um das Risiko der Übertragung auf wilde Hirsche besser einschätzen zu können, testete das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) die Blutproben. Die Analysen fanden Antikörper gegen SARS-CoV-2 in 152 der von Januar bis März 2021 entnommenen und nun getesteten 385 Blutproben - ganze 40 Prozent! Drei Hirsche hatten schon im Januar 2020 Antikörper gegen SARS-CoV-2 gebildet. Damals hatte das Virus begonnen, sich in den USA auszubreiten. Insgesamt enthielten ein Drittel der Proben aus den Jahren 2020 und 2021 diese Antikörper, die als Reaktion auf eine jeweilige Infektion gebildet werden. So weisen die Daten stark darauf hin, dass diese Hirschart irgendwann mit SARS-CoV-2 infiziert war. Die Hirsche wirkten nicht beeinträchtigt, möglicherweise verliefen ihre Infektionen asymptomatisch (oder sie hatten sie zur Zeit der Blutentnahme bereits überstanden). Die Anwesenheit der Antikörper in solch einer hohen Prozentzahl der Proben kann darauf hindeuten, dass das Virus bereits ein sekundäres Reservoir in Wildtieren in den USA gefunden hat. Um dies sicher festzustellen, hätten die Tiere zusätzlich auf virale RNA getestet werden müssen,[19] [20] also auf noch in ihnen zirkulierende Viren.

Während im Labor gezeigt wurde, dass die Hirsche sich auch bei indirektem Kontakt gegenseitig ansteckten, konnte natürlich anhand der Antikörpernachweise nicht beobachtet werden, ob sie sich auch in freier Wildbahn gegenseitig anstecken können. Es wurde jedoch folgendes festgestellt: Die Hirsche waren dem Virus in den verschiedenen Bundesstaaten unterschiedlich stark ausgesetzt. So wurden in Michigan bei 67 Prozent der getesteten Hirsche SARS-CoV-2-Antikörper gefunden, in Illinois dagegen nur bei 7 Prozent. Auch auf Ebene der Landkreise konnte eine Konzentration auf bestimmte Regionen festgestellt werden. Dies könnte auf Virusübertragung zwischen den Hirschen hinweisen, ist aber kein Beweis. Sie könnten sich, theoretisch, auch alle an anderen Quellen angesteckt haben. Wie realistisch das aufgrund der teils sehr hohen Prozentzahl an infizierten Tieren und anhand der Erkenntnisse aus dem Laborversuch ist, bleibt fraglich.

In den USA leben etwa 30 Millionen Weißwedelhirsche, sie sind dort weit verbreitet. Einzig in Alaska sind sie nicht anzutreffen.

„Angesichts des Prozentsatzes der Proben in dieser Studie, die nachweisbare Antikörper aufwiesen, sowie der hohen Zahl von Weißwedelhirschen in den gesamten Vereinigten Staaten und ihres engen Kontakts mit Menschen, ist es wahrscheinlich, dass auch Hirsche in anderen Bundesstaaten dem Virus ausgesetzt waren.“ Ein Sprecher des USDA [21]

Wie wird die Lage eingeschätzt?

Die schnelle Ausbreitung des Virus in einer großen Anzahl von von Tieren, bereitet den Forschenden Sorgen. Weitere Studien sind erforderlich, um beurteilen zu können, ob sich die Hirsche gegenseitig in freier Wildbahn infizieren und auch andere Arten anstecken können.

Folgende Fragen sind laut der Virologin Linda Saif (Ohio State University in Wooster) entscheidend:

  • Wie breitet sich das Virus auf Hirsche aus?
  • Kann sich das Virus von infizierten Hirschen auf andere Wildtiere oder Nutztiere wie Rinder ausbreiten?

Besorgniserregend ist, dass neue tierische “Reservoire” entstehen könnten. Dies sind Tierpopulationen (viele Tiere derselben Art in einem bestimmten Gebiet), in denen das SARS-Coronavirus-2 einen Zufluchtsort finden und weiter existieren könnte. Wenn das Virus in anderen Arten zirkuliert, könnte es sich weiterentwickeln und möglicherweise gefährlicher oder ansteckender werden, oder auch die Wirksamkeit der Impfstoffe bedrohen. Das Virus könnte sich aus solchen Reservoiren auf andere Arten ausbreiten und auch - wieder zurück - auf den Menschen springen. Auch zu einer späteren Zeit, wenn die Pandemie unter uns Menschen längst überwunden war.

Die Virologin Linda Saif hat schon andere Coronaviren untersucht, die zwischen verschiedenen Arten springen. Sie sagt:

„Ein ähnliches Übergreifen auf Wildtiere könnte jetzt weltweit auftreten.“[22]

Es gibt auch beschwichtigende Stimmen:

Daniel Bausch, Experte für Zoonosen und Direktor für neu auftretende Bedrohungen und globale Gesundheitssicherheit bei der gemeinnützigen Organisation FIND[23] betont:

“Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2 schädliche Auswirkungen auf Hirsche hat. Und für die Menschen wird unser unendlich größeres Problem von anderen Menschen verbreitet.”

Damit erinnert er noch einmal an die Bedeutung der weltweiten Bekämpfung der Pandemie unter uns Menschen. Für uns selbst, aber auch für Wildtiere. Denn unter den vielen Arten, die empfänglich für das Virus sind, können auch Tiere sein, für die SARS-CoV-2 gefährlich werden kann.

Das Landwirtschaftsministerium der USA (USDA) sieht das Risiko, dass Tiere SARS-CoV-2 auf Menschen übertragen, als gering an.[24] Hier möchten wir jedoch daran erinnern, dass die Pandemie aller Wahrscheinlichkeit nach nur entstehen konnte, weil dem Virus der Sprung aus dem Tierreich auf Menschen gelang. Es ist darüber hinaus bekannt, dass das Virus in verschiedensten Ländern mehrfach in Pelzfarmen vom Menschen auf Nerze und wieder zurück sprang. Sicher dürfte das Risiko der Übertragung in der freien Natur tatsächlich sehr gering sein, insbesondere wenn die Tiere in Ruhe gelassen werden und kein direkter Kontakt besteht. Neben Aktivitäten, die direkten Kontakt zwischen Wildtieren und Menschen herstellen, sind die Tiere in unseren Tierhaltungsbetrieben eine mögliche und nicht zu unterschätzende Brücke für Viren von Wildtieren zu uns Menschen.

Wie kam das Virus zu den Hirschen?

Die große Frage ist, wie die Hirsche mit dem Virus in Kontakt kamen. Die Übertragung könnte durch den Kontakt mit Menschen, anderen infizierten Tierarten oder sogar über kontaminiertes Abwasser geschehen sein. Wenn es eine verbreitete Expositionsquelle für Hirsche gibt, kann sie wahrscheinlich auch andere Tiere infizieren.

Die Forschungsgruppe des USDA vermutet, dass die Hirsche direkt durch Menschen infiziert wurden. Sie zählt verschiedene Möglichkeiten des Kontaktes und somit der Virusübertragung auf: In Gefangenschaft, bei der Feldforschung, Naturschutzarbeit, Wildtierrehabilitation und Fütterung (z. B. in Notzeiten), im Wildtiertourismus und durch die Jagd. Auf der anderen Seite geht das USDA davon aus, dass das Risiko der Ansteckung für Menschen auf Weißwedelhirschjagd nicht hoch ist - ohne eine genaue Definition für “nicht hoch” abzugeben. Dabei wird, im Hinblick auf die Wet Markets in China, auf Unterschiede in der Zubereitung von Lebensmitteln hingewiesen. Weiter heißt es, dass es keine Beweise dafür gibt, dass man durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel an COVID-19 erkranken kann. Das USDA gibt keine neuen Leitlinien heraus, verweist aber auf die bestehenden Empfehlungen der Regierung zur guten Hygiene bei der “Verarbeitung von Tieren”. Dazu gehört das richtige Kochen und Aufbewahren von Fleisch, Reinigen und Desinfizieren aller Messer, Oberflächen und Geräte.[25]

Eine Frage die hier bei uns auftaucht: Die Jagd wird als Kontaktmöglichkeit aufgezählt, durch die sich Hirsche beim Menschen anstecken könnten - warum wird gleichzeitig betont, das Risiko für Menschen sei dabei nicht hoch? Es liest sich, als sei das Risiko sich zu infizieren für die Hirsche höher als für die Menschen, die Hirsche jagen, töten und ausnehmen. Warum sollte das so sein?

Fazit der Studie

Aufgrund der Studienergebnisse sehen die Forschenden eine kontinuierliche und erweiterte Wildtierüberwachung als Notwendigkeit an, um die Entwicklung und Verbreitung von SARS-CoV-2 unter freilebenden Hirschen zu ermitteln. Neben Hirschen sollten auch Raubtiere und Aasfresser die Hirsche fressen, sowie andere Tiere, die engen Kontakt mit ihnen haben, auf das Virus untersucht werden.[26] [27]

Leider wird das Naheliegende wieder nicht thematisiert: Aktivitäten, die Kontakt zwischen Mensch und Wildtier herstellen und so Virusübertragungen möglich machen, einzustellen oder auf ein Minimum zu reduzieren.

Welche Tierarten haben sich bereits beim Menschen mit SARS-CoV-2 angesteckt?


Quellen:


  1. THE HUNT FOR CORONAVIRUS CARRIERS. Smriti Mallapaty; 03.2021 (Nature, PDF) ↩︎

  2. Corona-Zahlen aktuell: Karte für Deutschland und weltweit (Berliner Morgenpost) ↩︎

  3. COVID-19 Dashboard by the Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU) ↩︎

  4. Risk of human-to-wildlife transmission of SARS-CoV-2. Sophie Gryseels, Luc De Bruyn, Ralf Gyselings et al., Mammal Review; 10.2020 (Wiley Online Library) ↩︎

  5. SARS-CoV-2 Exposure in Escaped Mink, Utah, USA. Susan A. Shriner, Jeremy W. Ellis, J. Jeffrey Root et al., EID Journal; 03.2021 (cdc.gov) ↩︎

  6. THE HUNT FOR CORONAVIRUS CARRIERS. Smriti Mallapaty; 03.2021 (Nature, PDF) ↩︎

  7. SARS-CoV-2 in “Wild” Mink. Scott Weese; 12.2020 (Worms & Germs Blog) ↩︎

  8. SARS-CoV-2 in “Wild” Mink. Scott Weese; 12.2020 (Worms & Germs Blog) ↩︎

  9. Scott Weese. National Collaborating Centre for Infectious Diseases, University of Manitoba. ↩︎

  10. First Description of SARS-CoV-2 Infection in Two Feral American Mink (Neovison vison) Caught in the Wild. Aguiló-Gisbert, Padilla-Blanco, Lizana et al.; 05.2021 (Europe PMC)) ↩︎

  11. Researchers detect coronavirus in two feral American mink. Asociacion RUVID; 05.2021 (phys.org) ↩︎

  12. Researchers detect coronavirus in two feral American mink. Asociacion RUVID; 05.2021 (phys.org) ↩︎

  13. Covid-19 in Spanien: 92.700 Nerze werden notgeschlachtet. Euronews mit AFP, El Pais; 07.2020 (euronews.com) ↩︎

  14. Researchers detect coronavirus in two feral American mink. Asociacion RUVID; 05.2021 (phys.org) ↩︎

  15. First Description of SARS-CoV-2 Infection in Two Feral American Mink (Neovison vison) Caught in the Wild. Aguiló-Gisbert, Padilla-Blanco, Lizana et al.; 05.2021 (Europe PMC)) ↩︎

  16. First Description of SARS-CoV-2 Infection in Two Feral American Mink (Neovison vison) Caught in the Wild. Aguiló-Gisbert, Padilla-Blanco, Lizana et al.; 05.2021 (Europe PMC)) ↩︎

  17. Bedrohter Nerz
    Verdrängt vom amerikanischen Mink. BR Wissen; 06.2020 (br.de)
    ↩︎

  18. Susceptibility of White-Tailed Deer (Odocoileus virginianus) to SARS-CoV-2. Mitchell V. Palmer, Mathias Martins, Shollie Falkenberg et al., Journal of Virology; 05.2021 (ASM Journals) ↩︎

  19. The coronavirus is rife in common US deer. Smriti Mallapaty; 02.08.2021 (Nature) ↩︎

  20. Wild U.S. deer found with coronavirus antibodies. Dina Fine Maron; 02.08.2021 (National Geographic) ↩︎

  21. Wild U.S. deer found with coronavirus antibodies. Dina Fine Maron; 02.08.2021 (National Geographic) ↩︎

  22. The coronavirus is rife in common US deer. Smriti Mallapaty; 02.08.2021 (Nature) ↩︎

  23. FIND Diagnosis for all ↩︎

  24. Wild U.S. deer found with coronavirus antibodies. Dina Fine Maron; 02.08.2021 (National Geographic) ↩︎

  25. Wild U.S. deer found with coronavirus antibodies. Dina Fine Maron; 02.08.2021 (National Geographic) ↩︎

  26. Wild U.S. deer found with coronavirus antibodies. Dina Fine Maron; 02.08.2021 (National Geographic) ↩︎

  27. The coronavirus is rife in common US deer. Smriti Mallapaty; 02.08.2021 (Nature) ↩︎