Zoos und Artenschutz

Die neue Regierung möchte die Bildungsarbeit Zoologischer Gärten unterstützen. Zu diesem Thema empfehlen wir unten zwei Videos. Heute möchten wir auf einen anderen Punkt eingehen: Neben der “Bildungsarbeit” wird sehr oft das Argument angeführt, Zoos würden dazu beitragen, vom Aussterben bedrohte Arten zu erhalten. Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass es da einen gewaltigen Haken gibt.

Keulung männlicher Gorillas aus "biologischer Sicht" das beste Mittel?

Während Westliche Flachlandgorillas in der Wildnis vom Aussterben bedroht sind, wird in Zoos wegen Überpopulation über Keulung nachgedacht.

Westliche Flachlandgorillas sind in der Wildnis vom Aussterben bedroht. In europäischen Zoos und Tierparks leben jedoch mittlerweile so viele, dass es zu eng wird. Um dieser Überpopulation Herr zu werden, gibt es Überlegungen, männliche Tiere zu keulen. In einem bis vor kurzem geheimen Dokument der „European Association of Zoos and Aquaria“ (EAZA), das vom „Guardian“ veröffentlicht wurde, wird auch die Kastration als Möglichkeit erwähnt. Die Tötung sei „aus biologischer Sicht” jedoch das beste Mittel.[1]

„Der größte Nachteil dieser Option ist, dass jede Diskussion über die Tötung von Gorillas schnell emotional werden kann, weil es leicht ist, sich in sie einzufühlen.“ [2]

Warum werden überzählige Tiere einer Art, die vom Aussterben bedroht ist, nicht ausgewildert?

Es ist durchaus möglich, Gorillas auszuwildern, und im Oktober einigten sich immerhin beim Weltnaturgipfel mehr als 100 Staaten, das weltweite Artensterben innerhalb der nächsten 10 Jahre zu stoppen.[3]

Das Problem: Auswilderungen sind schwierig, besonders bei Menschenaffen. Denn die Gorillas aus Europa könnten Krankheiten einschleppen, mit möglicherweise verheerenden Auswirkungen. Ein anderes Problem besteht darin, überhaupt ein geeignetes Gebiet zu finden. Es müsste genügend Abstand von menschlichen Wohngebieten aber auch den Revieren anderer Gorillas haben, um Konflikte zu vermeiden. Zudem führten vor allem Wilderei und Krankheiten in den letzten Jahrzehnten zu einem dramatischen Rückgang der Anzahl wildlebender Gorillas.

Eine Sprecherin der EAZA beteuert, es habe bisher keine Keulungen gegeben, obwohl sie zum „Managementplan” gehören. Kastrationen seien aber „gängige Praxis”.[4]

Wenn Reduktion der Zahl der Tiere durch Kastration bereits üblich ist - warum gibt es dann überhaupt das Problem der überzähligen Tiere?

Tierbabys sind besonders niedlich. Sie sind Publikumsmagnete, immer gut für positive Publicity. Leider bleiben diese süßen Tiere nicht so klein und niedlich, werden langweiliger. Es braucht immer wieder neue, süße Tierkinder zum Bestaunen - und der Platz wird immer knapper. Auch aus sogenannten “Erhaltungszuchtprogrammen” resultieren überzählige Tiere. Das Problem besteht nicht nur bei Gorillas, hier ist der Aufschrei nur besonders groß. Sie sind uns so ähnlich, dass es vielen Menschen deutlich leichter fällt, sich in sie hinein zu versetzen. Doch auch bei anderen Tieren wird in der Regel nicht öffentlich darüber gesprochen, dass Zoos bewusst überzählige Tiere produzieren und damit selbst ein Problem verursachen, das irgendwie gelöst werden muss.

Und: wer denkt bei einem Zoobesuch schon darüber nach, was mit den süßen Jungtieren später mal geschieht?

Würden die Zoos eine Auswilderung unterstützen?

Immerhin würden die Zoos laut Aussage der Sprecherin der EAZA die Auswilderung der Westlichen Flachlandgorillas unterstützen, sofern die Bedingungen geeignet seien.[5] Wie realistisch dieses Szenario ist, können wir nicht beurteilen.

Das Thema Arterhaltung ist recht komplex, ebenso die Probleme, die sich bei der Haltung von Tieren im Zoo ergeben. Auf unserer Website haben wir Artikel zu dem Thema verlinkt. Hier nur ein paar Gedanken dazu: Um gefährdete Arten zu erhalten, wäre es unserer Ansicht nach viel sinnvoller, vor Ort Programme zur Arterhaltung zu unterstützen, Auffang- und Auswilderungsstationen zu fördern. Die Tiere bleiben in ihrer angestammten Region und Klimazone, müssen nicht um die Welt geflogen werden. So werden auch keine Krankheitserreger aus anderen Regionen, z. B. der EU, mit auszuwildernden Tieren eingeschleppt. Es wird argumentiert, vor Ort sei zum Teil nicht der nötige Platz vorhanden. Wenn schon für solche Programme bzw. Gehege kein Platz ist - wo sollen die vor dem Aussterben geretteten Tiere dann leben? Macht es Sinn, Arten für ein Leben in Gefangenschaft zu erhalten?

Wildtiere brauchen dringend wieder mehr Lebensraum, daher sollten wir alles daran setzen, den noch vorhandenen Lebensraum zu erhalten und ihn so schnell wie möglich wieder zu vergrößern.

Krankheitsübertragung vom Menschen auf Menschenaffen: Haben sich wildlebende Menschenaffen schon mal bei Menschen angesteckt?

Können Ökotourismus und Forschung Menschenaffen schützen?


Zu den Themen Artenschutz und Bildungsarbeit im Zusammenhang mit Zoos möchten wir euch die folgenden sehr interessanten Videos ans Herz legen:

  • Zoos: Zwischen Artenschutz-Lügen und Doppelmoral von Alicia Joe
  • In der Vortragsreihe „Komplex Tier“ gibt es einen Vortag mit dem Titel „Hinter Gittern: Zur Kulturgeschichte der Einrichtung 'Zoo'“ von Colin Goldner. Darin geht es u. a. auch um „Bildungsarbeit“ und „Populationsmanagement“ (ab Min. 55. Achtung, grausame Bilder, es wird aber rechtzeitig gewarnt.)

Quellen:


  1. Campaigners criticise European zoo proposals to cull adult male gorillas. Helena Horton; 26.11.2021 (The Guardian) ↩︎

  2. Zoos wollen Gorillas töten. Felix Wadewitz; 26.11.2021 (Der Spiegel) ↩︎

  3. Mehr als 100 Regierungen sagen Unterstützung für Weltnaturschutzabkommen zu. Thomas Krumenacker; 13.10.2021 (RiffReporter) ↩︎

  4. Campaigners criticise European zoo proposals to cull adult male gorillas. Helena Horton; 26.11.2021 (The Guardian) ↩︎

  5. Campaigners criticise European zoo proposals to cull adult male gorillas. Helena Horton; 26.11.2021 (The Guardian) ↩︎