Warum ist es so wichtig, die Artenvielfalt zu erhalten?

Im Februar 2021 veröffentlichte Chatham House, ein Institut, das weltweit Regierungen und die UN in Bereichen wie Sicherheit, Gesundheit, Umwelt und Wirtschaft berät, zusammen mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP[1]), einen Bericht über die wichtigsten Ursachen des Rückgangs der Biodiversität.[2]

Grundsätzlich müssen wir feststellen, dass die Artenvielfalt aktuell schneller abnimmt als jemals in der Geschichte der Menschheit. Gleichzeitig sind wir für unsere eigene Existenz auf funktionierende Ökosysteme angewiesen. So sind die Populationen an Säugetieren, Fischen, Amphibien und Reptilien seit 1970 um durchschnittlich 68% zurück gegangen. Je geringer die Biodiversität, desto weniger widerstandsfähig sind Ökosysteme.

Auch mit Blick auf die genutzten Tiere sinkt die Zahl der vorhandenen Rassen stetig. So gehören zum Beispiel ca. 70% der Milchkühe weltweit zur den Holstein Friesians[3], obwohl sie gar nicht an alle Klimazonen gleichermaßen gut angepasst sind. Dieser Rückgang an genetischer Vielfalt ist eine Konsequenz der hohen Milchleistung dieser Kühe, die sie besonders wirtschaftlich und damit attraktiv für Milchbetriebe macht. Auch die Bandbreite an angebauten Nahrungspflanzen sinkt zunehmend und macht damit unsere Nahrungsversorgung weniger resilient (= widerstandsfähig) gegenüber Umwelteinflüssen, Pflanzenkrankheiten und Naturkatastrophen.

Was ist die Hauptursache des Artensterbens?

Als Hauptursache des Verlustes an Biodiversität wird im vorliegenden Bericht unser Nahrungssystem genannt. Ackerbau und Beweidung sind immer mehr oder weniger starke Eingriffe in eine vorherige Naturlandschaft. Auf Äckern und Feldern wird jeweils eine Pflanzenart mechanisch und durch Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf Kosten anderer Pflanzen und Tiere in ihrer Vorherrschaft unterstützt. Um Weidetiere zu schützen, werden Raubtiere ferngehalten oder getötet. Alle diese Maßnahmen sind für die Versorgung von Menschen mit Lebensmitteln kurz- bis mittelfristig sinnvoll, verringern aber die Vielfalt unter den wilden Arten.


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Quelle: Bar-On, Y. M., Phillips, R. and Milo, R. (2018), ‘The biomass distribution on Earth’, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 115(25): pp. 6506–11, doi: 10.1073/pnas.1711842115 (accessed 2 Nov. 2020).


Ein Hauptproblem macht das Chatham House Institut am sogenannten Paradigma des billigeren Essens fest. Natürlich ist es wichtig, eine wachsende Menschheit auch in Ländern mit geringen Einkommen zu ernähren. Allerdings ist das, was die Effizienzsteigerung der Nahrungsmittelproduktion bewirkt hat, weit entfernt von einer Versorgung mit wichtigen Nährstoffen zu bezahlbaren Preisen für alle. Obendrein werden die Kosten für Verluste und Schäden an der Umwelt bisher in unserem Nahrungssystem nirgends eingepreist, so dass sie uns nicht ausreichend bewusst werden.

Seit den 60ern ist die Menge der produzierten Kalorien durch die Intensivierung der Landwirtschaft um 170% gestiegen, obwohl die bewirtschaftete Fläche nur um 10% zugenommen hat. Während es natürlich sehr positiv zu bewerten ist, dass immer mehr Menschen genug zu essen haben, hat diese Entwicklung auch dazu geführt, dass

  • immer mehr Flächen intensiv genutzt werden. Die Folge ist oft, dass Böden schneller erschöpfen.
  • Getreide so billig wurde, dass es heute in großen Mengen direkt als Tierfutter angebaut wird. Die Folge ist, dass Fleisch, Milch und Eier billiger geworden sind und in manchen ärmeren Ländern große Flächen für den Anbau von Tierfutter für reichere Nationen reserviert sind. Außerdem steigt die Zahl der weltweit genutzten Tiere ständig.
  • Das Wegwerfen noch guter Lebensmittel stark zugenommen hat. Die Folge ist, dass der Druck hin zum Erzeugen größerer Mengen von Lebensmitteln und damit die Intensivierung stetig zunimmt.
  • Einige wirtschaftlich interessanten Pflanzen, die hauptsächlich reich an Kalorien, aber vergleichsweise arm an anderen Nährstoffen sind, im professionellen Anbau nahrhaftere Pflanzen verdrängen. Die Folge ist eine weit verbreitete Mangelernährung in ärmeren Ländern aber auch teilweise in Industrienationen, und zwar regional in sogenannten Nahrungsmittelwüsten[4], unter anderem auch, weil Gemüse in manchen Regionen dadurch teurer geworden ist.

Diese ausgewählten Beispiele zeigen schon, dass unsere Probleme, Bedürfnisse und Strategien sowie die Konsequenzen für die Umwelt (und damit auch für uns) komplex miteinander verzahnt sind und sich Teufelskreise etabliert haben. Mit steigender Intensivierung des Pflanzenanbaus erschöpfen Böden zum Beispiel schneller, daher müssen immer schneller neue Flächen erschlossen werden, was den Trend hin zur Effizienzsteigerung immer weiter verstärkt.

Die Tierhaltung nimmt im Nahrungssystem eine Sonderstellung ein, unter anderem wegen des hohen Flächenbedarfs. Für Fleisch, Eier und Milchprodukte werden 78 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche gebraucht, sie liefern aber nur 18 % der für Menschen nutzbaren Kalorien und nur 37 % des nutzbaren Proteins. Dazu kommen deutlich höhere Einträge von Treibhausgasen und ein höherer Wasserbedarf.


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Quelle: Ritchie, H. and Roser, M. (2019), ‘Land Use’, Our World in Data, September 2019[5]


Wie können wir dem Artenverlust entgegenwirken?

Das Chatham House Institut schlägt neben dem Anerkennen der gegenseitigen Abhängigkeit von Nachfrage und Angebot bei der Restrukturierung nationaler und internationaler Nahrungssysteme drei Hebel vor, die sich gegenseitig beeinflussen:

  • Den Bedarf an landwirtschaftlicher Fläche reduzieren, indem Menschen ermutigt werden, sich verstärkt pflanzlich zu ernähren.
  • Mehr Land unter Schutz stellen und entweder nachhaltig verwalten oder sich selbst überlassen.
  • Mehr umweltfreundliche Anbaumethoden anwenden.

Je mehr Menschen sich pflanzlich ernähren, umso mehr Fläche wird für den zweiten Hebel frei und umso einfacher können wir Landwirtschaft umweltfreundlicher (= mit geringerer Intensität) betreiben.

Ganz offensichtlich müssen sich sowohl die Politik als auch wir als Individuen bewegen und alte Gewohnheiten hinter uns lassen. Dieser Themenkomplex lässt sich weder alleine auf der Nachfrageseite noch alleine auf der Angebotsseite entwirren. Noch haben wir aber Zeit, unseren Teil beizutragen. 2021 stehen wichtige Gipfeltreffen und Konferenzen an, bei denen Nahrungssysteme und ihre Verflechtung mit dem Thema Biodiversität auf dem Programm stehen und Regierungen müssen angesichts der ökonomischen und sozialen Folgen der aktuelle Coronapandemien über Maßnahmen entscheiden.

Wir als Einzelpersonen können am Hebel der individuellen Nachfrage nach pflanzlicher Nahrung ansetzen und darüber hinaus politische Entscheidungstreffende wissen lassen, dass uns der Artenschutz auch deswegen wichtig ist, weil wir künftige Pandemien unwahrscheinlicher machen wollen.

[Hier(https://menschen-tiere-pandemien.de/was-kann-ich-direkt-tun/)] stellen wir vor, wie jeder und jede von uns das eigene Konsumverhalten überdenken und anpassen kann.

Quellen:


  1. UNEP, Website ↩︎

  2. Food System Impacts on Biodiversity Loss: Three levers for food system transformation in support of nature. Prof. Tim Benton, Carling Bieg, Dr Helen Harwatt et al., ISBN: 978 1 78413 433 4; 03.02.2021 (Chatham House) ↩︎

  3. World Holstein Friesian Federation - Statistics ↩︎

  4. Gemüse für Nahrungsmittelwüsten: Urban Gardening in Washington. Martin Ganslmeier; 03.09.2014 (Deutschlandfunk Kultur) ↩︎

  5. Land Use. Hannah Ritchie, Max Roser; 09.2019 (Our World in Data) ↩︎