Welche Bedeutung hat der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung?

Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung ist extrem riskant. Bereits 70% der in den USA genutzten Antibiotika wurden für nicht-therapeutische Zwecke an Nutztiere verfüttert. Noch heute werden dort mehr als ein Dutzend Antibiotika legal ins Futter gemischt, zur Vorbeugung und als Wachstums- und Leistungsförderer. Allein in der Geflügelzucht in den USA werden jährlich nahezu eine Million Kilogramm Antibiotika verbraucht, die “für den Menschen von Bedeutung” sind.[1] In Europa ist diese Praktik der Antibiotikagabe zur Wachstums- und Leistungsförderung seit 2006 offiziell verboten.[2] Doch die Menge der eingesetzen Antibiotika sank in den folgenden Jahren in Deutschland nicht. Weiterhin wurde häufig die gesamte Herde behandelt, statt einzelner erkrankter Tiere. Mehrere Studien ergaben, dass Antibiotika noch immer in großem Ausmaß zum Wachstums- oder Gesundheitsdoping verwendet wurden.[3] Zwischen 2011 und 2017 sank der Einsatz von Antibiotika schließlich infolge einer weiteren Gesetzesänderung, die Sanktionen möglich machte, um 57 Prozent. Gleichzeitig stiegen jedoch die Einsatzmengen von Antibiotika die für die Humanmedizin extrem wichtig sind, da viele herkömmliche Antibiotika aufgrund von Resistenzen nicht mehr wirken. Damit steigt die Gefahr, dass sich auch gegen diese wichtigen Antibiotika Resistenzen bilden.

Die Intensivierung der Tierhaltung wäre ohne den massenhaften Einsatz von Antibiotika nicht möglich gewesen. Vermutlich haben sich die Erkrankungsraten der Tiere seit der Reduktion der Antibiotikagaben erhöht. Hierüber kann allerdings in Deutschland nur spekuliert werden, weil die Agrarlobby ein flächendeckendes Monitoring durch ihren Widerstand verhindert. Einen vagen Anhaltspunkt geben offizielle Zahlen zu pathologischen Befunden bei Schweinen am Schlachthof, die vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden. So wurden 2017 bei 32,8 Prozent der untersuchten "Schlachtkörper erkrankungsbedingte Schäden" festgestellt. Diese Zahlen spiegeln jedoch nicht das wahre Ausmaß wieder, weil die Befunderhebung nicht alles erfasst und nicht genau genug durchgeführt wird.

Insbesondere Geflügel- und Schweinefleisch kann mit Bakterien, darunter auch multiresistente Keime, belastet sein. Wie hoch das Risiko einer Infektion auf diesem Weg ist, ist nicht bekann. Albert Sundrum, Nutztierwissenschaftler und Tierarzt, gab in einem Interview mit 3sat-makro den Verbrauchenden die Empfehlung, in der eigenen Küche eigenverantwortlich auf die konsequente Einhaltung von Hygienemaßnahmen zu achten. Welche Hygienemaßnahmen dies sind, führte er nicht weiter aus. Er wies außerdem darauf hin, dass durch das Kaufverhalten kein Einfluss auf das Tierwohl genommen werden könne. Sowohl bei Produkten die mit einem Hinweis auf das Tierwohl gekennzeichnet sind als auch bei Bio-Produkten, seien die Erkrankungsraten der Tiere verlgeichbar hoch.[4]

Resistente Keime, wie das weit verbreitete MRSA-Bakterium, können von "Nutztieren" auf den Menschen übergehen und umgekehrt. Laut einer Studie des MRE (Multiresistente Erreger)-Netzwerks Süd-Brandenburg waren im Jahr 2012 86 Prozent aller Landwirte und Tierärzte träger des LA-MRSA-Bakteriums. Dies ist eine Variante, die hauptsächlich in Schweineställen vorkommt. Die Menschen nehmen den Erreger durch aufgewirbelten Staub auf. Mit der Abluft gelangt der Erreger aus den Mastanlagen in die Umwelt. Bei mehreren Untersuchungen der Umgebung von Schweineställen wurden LA-MRSA-Keime im Umkreise von einem halben Kilometer um die Ställe gefunden. Besonders häufig sind sie in Gebieten mit einer hohen Anzahl an Nutztieren zu finden. So auch im südlichen Niedersachsen, dort werden besonders viele Schweine gehalten.[5]

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  • Kommt die nächste Krankheitswelle aus den Ställen? Resistente Keime aus der Tierhaltung (04.10.2020 frontal, ZDF):

Quellen:


  1. 2018 Summary Report On Antimicrobials Sold or Distributed for Use in Food-Producing Animals. FDA; 12.2019 (PDF) ↩︎

  2. Fragen und Antworten zu den Auswirkungen des Antibiotika-Einsatzes in der Nutztierhaltung. Bundesinstitut für Risikobewertung; 08.2016 (BfR) ↩︎

  3. Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung in Deutschland sehr hoch. afp/aerzteblatt.de; 01.2013 (aerzteblatt.de) ↩︎

  4. Reduzierung in der Tiermast - Einsatz wichtiger Antibiotika angestiegen (04.2019, ZDF) ↩︎

  5. Gefährliche Keime: Tiere werden mit Antibiotika regelrecht gemästet. Nils Sandrisser; 04.2015 (Welt) ↩︎