Gibt es Alternativen zum fetalen Kälberserum?

Für Forschung und Medizin werden menschliche Zellen kultiviert, beispielsweise um Tierversuche zu ersetzen. Um die Zellen am Leben erhalten und vermehren zu können, wird ein Nährmedium benötigt, das bestimmte Nährstoffe enthält. Dafür wird „traditionell” fetales Kälberserum (FKS) genutzt - das Blutserum ungeborener Kälber. Diese Kälberföten werden in Schlachthöfen aus direkt zuvor geschlachteten trächtigen Kühen entnommen. Das Kalb wird für das Absaugen des Blutes nicht betäubt und stirbt am Ende der grausamen Prozedur.[1] In der EU dürfen seit dem 1.9.2017 Milchkühe nicht mehr im letzten Trächtigkeitsdrittel geschlachtet werden. Dennoch sind aus verschiedenen Gründen in Deutschland schätzungsweise 10 % der 1 Million jährlich geschlachteten Milchkühe im mittleren oder letzten Stadium trächtig. Selbst wenn den Föten nicht zur Produktion von FKS ihr Blut entzogen wird, sterben sie nach der Schlachtung im Mutterleib.[2] Weltweit werden jährlich 800.000 Liter FKS verbraucht. Die European Biomedical Research Association schätzt, dass jährlich 1 bis 2 Millionen Kälber dafür getötet werden.[3]

Ein anderer Bereich in dem solch ein Nährmedium benötigt wird, ist die Produktion von sogenanntem Laborfleisch: Wenige Zellen werden einem lebenden Tier entnommen und anschließend im Labor vermehrt.

Die Nachfrage nach Serum für Zellkulturen stieg in letzter Zeit stark an. In diesem Bereich lässt sich viel Geld verdienen. Gleichzeitig ist das Geschäft mit fetalem Kälberserum sehr undurchsichtig und wird offenbar kaum kontrolliert. Betrug und Fälschungen scheinen weit verbreitet zu sein. So kommt es beispielsweise vor, dass FKS mit dem Serum erwachsener Tiere gemischt, aber als FKS vertrieben wird. Auch bei der Herkunft wird getrickst, denn die verschiedenen Länder haben unterschiedlich strenge Regulierungen. Preise und Qualität der Seren variieren stark. Wie lukrativ ein solcher Betrug sein kann, zeigt das folgende Beispiel: Anfang 2000 kaufte eine deutsche Firma FKS schlechter Qualität für 20 $ pro Liter aus Kanada. Das Serum wurde weggeschüttet, denn das Interesse bestand ausschließlich an den kanadischen Papieren. Als ein japanischer Kunde Serum aus Kanada bestellte, kaufte die deutsche Firma Serum aus verschiedenen südamerikanischen Ländern für 40 $ pro Liter. Über eine französische Tochterfirma wurden mehr als 1.000 Liter dieses Serums, mit einer nur scheinbar kanadischen Herkuft, für 210 $ pro Liter an den japanischen Kunden verkauft. Problematisch an solchen Betrügereien ist auch die falsche Sicherheit, in der sich die Endkunden bezüglich der Qualität des Serums wiegen. So ist beispielsweise das Risiko, dass ein solches Serum Krankheitserreger enthält, in einigen Ländern höher als in anderen.[4]

Glücklicherweise gibt es tatsächlich Alternativen zum fetalen Kälberserum:
Eine Möglichkeit, Kälberserum zu ersetzen, ist die Verwendung von Extrakten aus abgelaufenen Blutspenden, die ansonsten vernichtet werden müssten. Darüber hinaus sind auch synthetische Nährmedien verfügbar. Mittlerweile gibt es eine große Anzahl serumfreier Nährmedien.[5] Sie bringen, neben dem vermiedenen Tierleid, sogar weitere Vorteile mit sich. (Neben dem Kälberserum gibt es weitere tierische Seren, diese bieten jedoch weder den Tieren noch der Wissenschaft Vorteile.)[6]

Welche Vorteile bieten serumfreie Nährmedien?

  • Ethische Gründe - Tierleid wird vermieden.
  • Während die Zusammensetzung des Kälberserums von Charge zu Charge variiert, sind chemisch hergestellte Substanzen einheitlich. Tierisches Serum kann zudem unerwünschte, unbekannte und auch schädliche Bestandteile enthalten. Serumfreie Alternativen sind also zuverlässiger und sicherer. (Die Sicherheitsanforderungen der Gesundheitsbehörden werden immer strenger.)
  • Die Zusammensetzung serumfreier Alternativen kann genau auf die Anforderungen der Zellkulturen abgestimmt werden.
  • Die einheitliche Zusammensetzung der chemisch hergestellten Alternativen ermöglicht eine bessere Vergleichbarkeit der Versuchsergebnisse.
  • Sie sind auf lange Sicht günstiger. Ausbrüche der Maul- und Klauenseuche können die Preise für fetales Kälberserum noch weiter erhöhen. Forschende schätzen, dass der Umstieg auf serumfreie Alternativen die Kosten um 80 % reduzieren kann.

Es gibt Listen mit alternativen Nährmedien. Ist kein geeignetes darunter, kann möglicherweise eines speziell für den Anwendungsfall hergestellt werden.[7] [8]

Wichtig für einen erfolgreichen und zügigen Umstieg auf alternative Nährmedien ist die Aufklärung der Labore, die mit Zellkulturen arbeiten. Wie in so vielen Bereichen, wird gerne auf das Altbewährte zurückgegriffen.[9] Nur wenn den Laboren die alternativen Nährmedien, deren Gebrauch und Vorteile ausreichend bekannt sind, werden sie darauf umsteigen. Eine größere Nachfrage wird langfristig für niedrigere Preise und eine weitere Verbreitung der Alternativen sorgen.

Welche Alternativen zu Tierversuchen gibt es?


Quellen:


  1. FKS-frei - Nährmedien ohne fetales Kälberserum. Julia Schulz; 28.08.2017 (Ärzte gegen Tierversuche e.V.) ↩︎

  2. Schlachtabfall? Kampagne gegen die Schlachtung trächtiger Rinder. Deutscher Tierschutzbund e.V. ↩︎

  3. FKS-frei - Nährmedien ohne fetales Kälberserum. Julia Schulz; 28.08.2017 (Ärzte gegen Tierversuche e.V.) ↩︎

  4. Fraud and falsification. GodCellkultur.dk ↩︎

  5. FKS-frei - Nährmedien ohne fetales Kälberserum. Julia Schulz; 28.08.2017 (Ärzte gegen Tierversuche e.V.) ↩︎

  6. Advantages of serum-free media. GodCellkultur.dk ↩︎

  7. Advantages of serum-free media. GodCellkultur.dk ↩︎

  8. Scientifically unreliable. GodCellkultur.dk ↩︎

  9. FKS-frei - Nährmedien ohne fetales Kälberserum. Julia Schulz; 28.08.2017 (Ärzte gegen Tierversuche e.V.) ↩︎